Flauschreflexe

Es sollte selbstverständlich sein, ist es aber offensichtlich nicht: Kritik ist wichtig. Kritik an queer_feministischen Bewegungen, Haltungen, Praxen, usw. ist wichtig, will doch gerade diese Bewegung Selbst_Reflexion und Intersektionalität zu ihren Kernaufgaben machen. Kritik zu äußern kann herausfordernd sein, und mit Kritik umzugehen möglicherweise noch mehr. Was dabei hilfreich sein kann: Konstruktivität und Solidarität. Beides können wir in „Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten.“ von Patsy l’Amour laLove beim besten Willen nicht finden. Dafür einiges Unerfreuliches…

Patsy l’Amour laLove und die Angst vor bissigen Queer_feminist_innen
Patsy l’Amour laLove erklärt, dass sie, und viele ihrer Mitautor_innen, Angst und Sorge hatten, den Sammelband herauszubringen. Sie betonen ihre Angst vor den „Beißreflexe[n]“ (l’Amour laLove, 2017: 16) der „Inquisitorin[nen] queerfeministischer Bauchschmerzen“(ebd.: 24), deren „Praktiken an das Vorgehen religiöser Sekten“ (ebd.: 32) erinnere. Mit „autoritäre[m] Gehabe“ (ebd.: 23) wollten sie, so Patsy l’Amour laLove, eine „Politik des schlechten Gewissens“ (ebd.: 31) einführen – einfach weil sie sado-masochistisch „nicht nur bestrafen, sondern auch bestraft werden“ (ebd.: 32) möchten; und bei all dem sei dieser queerfeministische Aktivismus ja doch nur Gepose (vgl. ebd.: 35).

Wir sind ein paar von diesen ach so blumig beschriebenen Spaßverderber_innen. Mit dem Schreiben dieser Stellungnahme bestätigen wir Patsys Bild der sich selbst läuternden Queer_feminist_innen, die beißreflexartig sofort zuschnappen wollen. Und würden wir uns nicht äußern, ließe sich das sicher auch als Bestätigung von Patsys Thesen interpretieren, denn keine Kritik ist sicher Zustimmung oder autoritäre Ignoranz. Taktische Provokation ist wundervoll, nicht wahr?
Fun Fact: obwohl Patsy über Sprechverbote klagt, wurde sie bundesweit zu 19 Lesungen¹ eingeladen und zusätzlich wurden über das Buch Beißreflexe 13 Artikel/Interviews in Zeitungen, Onlinezeitungen oder im Radio veröffentlicht². Seit Wochen ist ihr Buch Nr.1 Bestseller in der Kategorie Geschlechterstudien bei Amazon, von “Beißreflexe” musste inzwischen die dritte Auflage gedruckt werden. Aller Angst zum trotz hat sich Patsys Buch also ausgezahlt – im kapitalistischsten Sinne des Wortes.
Zum Inhalt: So ziemlich jede Seite des Buches könnte ausführlich kritisiert werden. Gezielte Provokationen, einseitige Darstellungen, fragwürdige Definitionen, argumentative Sprünge, Vermischungen von Definition und Interpretation, Verallgemeinerungen, dystopische Vergleiche, unsaubere Argumentationen und mehr bieten Anlass zum Ärgern und Kritisieren. Diese Stellungnahme behandelt nur einige Aspekte detailliert, weiter unten gibt es noch Hinweise zu Kritiken, die sich weiteren Aspekten widmen.

Inhaltliche Grundlagen, Begriffe & Konzepte in Beißreflexe
Patsy l’Amour laLove und die Autor_innen von Beißreflexe verbindet unter anderem, dass sie Begriffe und Konzepte, die in queer_feministischen Kontexten teils kontrovers diskutiert werden, vereinheitlichen und verzerrt darstellen, zum Beispiel Begriffe wie Privilegien und Intersektionalität.
Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Konzepten und Diskursen, sowohl auf aktivistischer als auch auf wissenschaftlicher Ebene, erfolgte scheinbar nicht. Ergebnis ist, dass in Beißreflexe „Strohmann-Argumente“ aufgebaut werden: Positionen werden falsch dargestellt, damit sie einfach zu widerlegen sind.
Das größte „Strohmann-Argument“ ist der in Beißreflexe verwendete Begriff des ‚Queerfeminismus’: Patsy l’Amour laLove zeichnet das Bild eines einheitlichen und geschlossenen Queerfeminismus, der sich keinen Diskussionen mit Kritiker_innen stellt, in dem keine Diskussionen stattfinden und der Diskussionen außerhalb der eigenen Kreise verbieten möchte. Sie und die anderen Autor_innen sind fleißig dabei, aus einzelnen Erlebnissen auf den ‚gesamten Queerfeminismus‘ zu schließen. Ambivalente Diskurse innerhalb queer_feministischer Bewegungen werden ignoriert, Queerfeminismus wird als unglaublich mächtig und einflussreich dargestellt und Queer_feminist_innen werden als nicht ernstzunehmende Personen delegitimiert.³

Begriffe wie Moral oder Rassismus werden inhaltlich ausgehöhlt. Während gerade Patsy l’Amour laLove und Till Randolf Amelung Definitionsmacht als Konzept kritisieren (vgl. l’Amour laLove, 2017: 31; Amelung, 2017: 89-101), wird hier klar, dass sie diese nur ablehnen, wenn Andere Definitionsmacht erhalten. Sie selbst reservieren sich einen exklusiven Zugang zur Definitionsmacht, wenn auf einmal nur noch sie sagen können, was nun rassistisch sei, und was nicht. Betroffenen hingegen sprechen sie ab, dass sie Rassismus benennen könnten (vgl. l’Amour laLove, 2017: 19-24).
Patsy l’Amour laLove und ihre Mitautor_innen formulieren, was ihrer Meinung nach Rassismus nicht ist, und setzen ihre Definition als allgemeingültig. Dabei gehen sie wenig darauf ein, was in ihrem Verständnis rassistisch ist. Mit dieser ausschließlich negativen Bestimmung bleibt statt komplexen Konzepten von Rassismus nur ein ausgehöhltes Wortskelett ohne kritischen Gehalt zurück.

Anti-emanzipatorischer Beistand
In seinem Beitrag plädiert Till Randolf Amelung dafür, dass Personen, die von Aussagen und Verhaltensweisen getriggert werden, sich zunächst einer gründlichen Traumatherapie unterziehen sollten, bevor sie politisch aktiv werden (vgl. Amelung, 2017: 97f.). Wir lehnen diese absolute Sichtweise ab, denn durch die Psychopathologisierung Einzelner wird strukturelle Unterdrückung unsichtbar gemacht. Mit der Individualisierung von Diskriminierungserfahrungen werden diese entpolitisiert. Außerdem findet eine Umkehr von Täter_innen und Opfern statt: nicht die Täter_innen, die an struktureller Diskriminierung partizipieren, sollen ihr Verhalten ändern, sondern die Betroffenen sollen Therapien machen, um mit den Folgen zu leben. Und sich bitte erst dann politisch einbringen, wenn sie ihr individuelles Stressmanagement optimiert haben.
Es scheint, dass Amelung sich in diesem Fall ganz konkret für ein Sprechverbot bzw. Politverbot für Personen einsetzt, denen er Traumatisierungen diagnostiziert. Amelungs Aussagen und ähnliche anderer Autor_innen des Sammelbands werden von ihnen jedoch nicht als autoritäre Sehnsüchte betrachtet, sondern scheinen legitim zu sein…

Die Autor_innen konstruieren sich selbst als die wahrhaft Unterdrückten. So vermisst Doloris Pralina Orgasma „die homophile Willkommenskultur auch in der tatsächlichen Anwesenheit von flirtenden Homosexuellen, durchgeknallten Tunten, geilem Sex und schlichtweg all dem, was schwule Subkultur zu bieten hat“ (Orgasma, 2017: 84) auf queeren Partys. Die Schuld für das vermeintliche Verschwinden von queeren Partys, die immer gleichzeitig auch Sexparty sein sollten, gibt sie Awarenesskonzepten und dem Konsenzprinzip (vgl. ebd.: 85f.). Konsequenzen aus Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und Übergriffigkeit werden als sexualfeindliche Tendenzen relativiert und delegitimiert (vgl. ebd.: 84-86). Bedürfnisse anderer Personen auf Partys blendet Orgasma aus. Zum Beispiel verliert sie kein Wort darüber, ob queere Partys für FLIT* Personen dank Awareness-Konzepten ein besserer Ort geworden sein könnten. Stattdessen zeichnet Orgasma ein Bild von einer Szene, in der aufgrund queer_feministischer Strukturen nie wieder Partys, wie Orgasma sie feiern will, stattfinden könnten.

In vielen der Artikel aus Beißreflexe finden sich argumentative Überschneidungen mit anderen anti-emanzipatorischen Veröffentlichungen. Inklusive der obligatorischen Klarstellung, es sei nicht akzeptabel den Autor_innen eine Nähe zu Rechten, wie AFD, PEGIDA, Trump, Milo Yiannopoulos, Le Pen oder anderen, zu unterstellen (vgl. l’Amour laLove, 2017: 34). Indem Patsy l’Amour laLove hier jegliches Aufzeigen von Parallelen als reduktionistisches Abstempeln verurteilt, wird eine notwendige Analyse anti-emanzipatorischer Haltungen in verschiedenen politischen Zusammenhängen delegitimiert (vgl. ebd.). Wir ordnen Patsy l’Amour laLove nicht als rechts ein und wollen ihr ihre linke Selbstpositionierung nicht absprechen. Aber: Linke Zusammenhänge sind nicht frei von anti-emanzipatorischen Strukturen. Politische Verortungen sind komplexer als links oder rechts, und anti-emanzipatorische Argumentationen finden sich in sämtlichen Kontexten.
Ein weiteres Beispiel: Auf Breitbart schreibt Charlie Nash nach Kritik an einer Veranstaltung des damaligen Breitbart-Journalisten Milo Yiannopoulos, dass Universitäten kein Raum mehr für neue Ideen, kontroverse Diskussionen und intellektuelle Debatten seien. Durch Triggerwarnungen und das Konzept von Safe Spaces wären sie zu Räumen geworden, in denen Studierende mit nur einer legitimen Art zu Denken indoktriniert und jegliche Widersprüche als Hassrede delegitimiert und unterbunden würden (vgl. Nash, 2016). Queer_feministische Strukturen, insbesondere Triggerwarnungen4 und Safer Spaces, werden auf Breitbart als Bedrohung des Grundrechts auf Redefreiheit dargestellt. Argumentativ sind Breitbart und Beißreflexe an dieser Stelle ähnlich. Auch hier ist es wichtig kein Sprechverbot zu erteilen, sondern eine selbstkritische Analyse linker Strukturen auf ihren anti-emanzipatorischen Gehalt zu ermöglichen.

Wo Beißreflexe war, soll Reflexion werden.
Patsy schreibt: „Ich halte Kritik an „den eigenen Reihen“ für sinnvoll.“ (l’Amour laLove, 2017: 37) Wir auch. Beißreflexe ist aber keine Kritik, sondern eine beißende, polemische Abrechnung. Mit Beißreflexe wird kein argumentativer Rahmen eröffnet, in dem ein Austausch möglich sein könnte: überspitzte Provokationen, Psychopathologisierung, gezielte Vereinheitlichung und Homogenisierung eines diversen Zusammenhangs, „Strohmann“-Argumente etc. sind keine Einladungen zu einem gleichberechtigten Austausch. Und während Patsy gerade betont, dass Communities zusammen stehen sollten, damit positive Veränderungen in der Gesamtgesellschaft gemeinsam erkämpft werden können, scheint sie sich doch dafür zu entscheiden mögliche Verbündete innerhalb queerer Communities nicht konstruktiv zu kritisieren, sondern mit beißender Polemik zu diffamieren.

Lesetipps
Hier noch Hinweise auf Kritiken mit anderen Schwerpunkten:

Heinz Jürgen Voß beschreibt, ähnlich wie wir, dass Beißreflexe keinen Diskurs zulässt.
https://dasendedessex.de/die-kritik-beissreflexe-hat-keinen-intellektuellen-biss-sondern-nur-verletzen-eine-auseinandersetzung-mit-dem-aktuellen-diskussionsstand/

Als eine der ersten Personen hat Em eine detaillierte inhaltliche Kritik an Beißreflexe in bislang 5 Teilen formuliert. Aufgrund sehr vieler Hassnachrichten konnte Em das Projekt nicht weiterführen.
https://kuchenstattsex.wordpress.com

Ein Interview mit Hengameh Yaghoobifarah gibt es in der Siegessäule, in der zuvor schon Patsy l’Amour laLove ein Interview gab. Hengameh reagiert darin nicht nur auf die persönliche Kritik an ihr aus Beißreflexe, sondern zeigt auch solidarische Möglichkeiten der Kritik auf.
https://www.siegessaeule.de/no_cache/newscomments/article/3296-queerfeministin-hengameh-ueber-beissreflexe-ein-unsolidarisches-buch.html

With love,
ur local queerfeminist killjoys
FemRef

 


¹ Die Daten sind Patsy l’Amour laLoves Website http://www.patsy-love.de/ und ihrem Facebookfeed https://de-de.facebook.com/patsylamourlalove/ entnommen.

² Stand: 21. Juni 2017

³ Fun Fact: beliebt dafür sind ad-hominem Argumente. Also Argumente, die Gegenargumente durch Angriffe auf die Integrität des Gegenübers diskreditieren sollen. Bsp: „Die Angriffe auf Privilegierte sind von (solch) einem uneingestandenem Neid getragen und stellen aktivistische Kurzschlüsse dar.“ (l’Amour laLove, 2017.: 39)

4 Btw: In queer_feministischen Kontexten gibt es einen umfangreichen Diskurs zu Triggerwarnungen, in dem sehr verschiedene Positionen vertreten werden und das Konzept immer wieder überarbeitet wird. Weder Breitbart, noch Beißreflexe gehen auf diese Differenzierungen des Konzepts ein.


Amelung, Till Randolf, 2017: Moderne Hexenjagd gegen Diskriminierung. Eine kritische Auseinandersetzung mit “Definitionsmacht”. In: l’amour laLove, Patsy (hrsg): Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Berlin: Queerverlag. S.84-88.

l’amour laLove, Patsy, 2017: Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. In: l’amour laLove, Patsy (hrsg): Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Berlin: Queerverlag. S.16-45.

Nash, Charlie, 2016: Pitt Students ‘In Tears’ and Feeling ‘Unsafe’ After Milo Yiannopoulos Event [Online]. Verfügbar unter: http://www.breitbart.com/tech/2016/03/03/pittsburgh-students-in-tears-and-feeling-unsafe-after-milo-yiannopoulos-event/ [zuletzt geprüft: 21.06.2017].

Orgasma, Doloris Pralina (Kammholz, Marco), 2017: Schmutzräume schaffen! Ein unsolidarischer Beitrag zur sexuellen Sicherheitspolitik queerfeministischer Räume. In: l’amour laLove, Patsy (hrsg): Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Berlin: Queerverlag. S.84-88.

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