Eine persönliche Geschichte über Klassismus und Solidarität in Zeiten der Corona-Pandemie

eine Person schaut in den Spiegel, drumherum sind Gedankenblasen mit den Worten Akademiker*in, heterosexuell, cis, ablebodied, binär zu sehen

Meine finanzielle Situation war auch schon vor Beginn der Corona-Pandemie nicht so pralle. Meistens hat es aber irgendwie gereicht, sich mit einem Job in der Gastronomie und unregelmäßiger selbstständiger Arbeit über Wasser zu halten und mein Studium zu finanzieren.

Als Arbeiter:innenkind kann ich mich nicht auf finanzkräftige Eltern stützen. Dass ich überhaupt an einer Hochschule gelandet bin, ist statistisch gesehen, unwahrscheinlich. Ein Studium erfolgreich zu beenden ist demnach noch unwahrscheinlicher.

Das liegt nicht daran, dass beispielsweise Kinder aus einer Arbeiter:innenfamilie pauschal weniger geeignet sind, ein Studium zu schaffen, sondern daran, dass das Bildungssystem Benachteiligungen reproduziert. Das wird häufig damit beschrieben, dass die Bildungschancen in Deutschland vererbt werden.

Demgegenüber steht die Darstellung, dass alle einen sozialen Aufstieg schaffen könnten. In dieser Erzählung reicht dazu allein der echte Wille.

Die sogenannte Leistungsgesellschaft vermittelt, dass alle es schaffen können

Die tatsächlichen Voraussetzungen, die arme, erwerbslose oder wohnungslose Menschen vorfinden, haben in dieser Vorstellung scheinbar keine Bedeutung. Auch andere Ausgrenzungsmechanismen wie Rassismus, Transfeindlichkeit, Sexismus oder Behindertenfeindlichkeit werden in diesem Märchen komplett ausgeblendet.

Denn tatsächlich ist die Gesellschaft fast komplett auf eine Mittelschicht ausgerichtet, in der ausreichend finanzielle Mittel, Weißsein, Cisgeschlechtlichtkeit, Heteronormativität und Nichtbehinderung – um ein paar Beispiele zu nennen – die Norm bilden.

Dass der gesellschaftliche Status allerdings in vielen Fällen und auch strukturell davon abhängt, wie vermögend die Familie ist oder ob eine Familie vorhanden ist, wie gut die persönlichen Netzwerke sind (das sogenannte „Vitamin B“), werden in diesem Aufstiegsmärchen ausgeblendet.

Das Aufstiegsmärchen ist also – ebenso wie das Bildungssystem – klassistisch

Von Klassismus kann gesprochen werden, wenn Institutionen oder gesellschaftliche Strukturen Benachteiligungen gegenüber wohnungslosen, einkommensarmen, erwerbslosen Menschen oder Arbeiter:innen(kindern) erzeugen und aufrecht erhalten. Klassistische Diskriminierung und Abwertung kann aber auch außerhalb von Institutionen stattfinden: klassistische Denkmuster und Vorurteile finden sich etwa in den Medien, sie durchziehen Diskurse und prägen das eigene Handeln und Denken – ob eins nun von klassistischer Abwertung betroffen ist, oder nicht.

Seitdem ich mich mit dem Thema Klassismus näher befasse, konnte ich vieles lernen. Zum Beispiel: dass ich mein erstes Studium abgebrochen habe, passt zu der Tatsache, dass Bildungschancen in Deutschland quasi vererbt werden.

Und auch das Muster, dass ich darauf hinweisen möchte, dass ich in meinem aktuellen Studium erfolgreich vorankomme und zuversichtlich bin, den Abschluss zu schaffen, hat etwas mit Klassismus zu tun.

Arm studieren in der Corona-Krise

Zurück zur aktuellen Situation: Eine Erwerbsarbeit in der Gastronomie passt eigentlich gut zu meinem Studium. Tagsüber studieren, abends und am Wochenende arbeiten: das hat für mich funktioniert.

Dann beginnt die Corona-Pandemie. Die Kneipe machte dicht, Workshops wurden abgesagt. Die Bundesregierung beschließt zwar, dass auch Studierende Hartz IV beantragen können – allerdings nur als Darlehen. Für mich als einkommensarme Person stellt sich sofort die Frage, wie ich das Darlehen denn zurückzahlen soll.  Ich gehe nämlich davon aus, dass ich die nächsten paar Jahre voraussichtlich genauso wenig Geld habe, wie vor Corona – nicht genug, um einen Kredit abzahlen zu können! Diese Hilfe ist für mich also keine.

Um an Geld zu kommen, fange ich an, ein paar Sachen zu verkaufen. Damit verdiene ich 178€. Vorerst kein schlechtes Ergebnis, meine Existenzängste lassen sich damit aber nicht beruhigen.

Aber mein Umfeld schafft es.

Mit Menschen in meinem Umfeld spreche ich über meine Situation. Es tut gut, sich auszutauschen. Einige Freund:innen bieten mir praktische Unterstützung an: sie besorgen Lebensmittel für mich oder schenken mir Dinge, damit ich sie verkaufen kann. Zwei Freund:innen fragen sogar nach meiner Kontonummer. Sie bieten mir an, monatlich einen festen Betrag zu überweisen: solange ich es brauche, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Die Geschenke und das Für-mich-Einkaufen konnte ich ganz gut annehmen, aber hier, wo es um bares Geld geht, habe ich gezögert. In einer Freund:innenschaft ist so etwas eigentlich Tabu.

Warum eigentlich? Sie haben mehr als ausreichend von etwas, von dem ich zu wenig habe. Sie sind in festen Arbeitsverhältnissen, haben ein gutes Einkommen. Für sie ist es ein verhältnismäßig kleiner Betrag, für mich ein großer, der meine Sorgen schrumpfen lässt. Anders ausgedrückt: Sharing is caring.

Das ist der Grund, warum ich diese Geschichte teile.

Ich habe das große Glück, von Menschen umgeben zu sein, die sich um mich kümmern, die sich sorgen, solidarisch sind – und gleichzeitig die finanziellen Mittel dazu haben, mich in dieser Zeit finanziell zu unterstützen. Es erleichtert mich. Dafür bin ich sehr dankbar.

Diese guten Erfahrungen sollen aber nicht einfach nur als eine herzerwärmende Geschichte über ein paar Freund:innen, die sich helfen, in Erinnerung bleiben. Sie sind ein Beispiel dafür, wie Solidarität praktisch werden kann, wie Privilegien geteilt werden können. Sie sind ein ein Aufruf, sich die eigenen Privilegien zu vergegenwärtigen und sie einzusetzen – für ein gutes Leben für alle!

Letztendlich ist es wichtig, Menschen nicht nur in akuten Situationen und bei Einzelanliegen zu unterstützen. Solidarität heißt, gemeinsam darauf hinzuarbeiten, unsere auf Diskriminierung und Ausbeutung fußende Gesellschaft als Ganzes zu transformieren. Hin zu einer Gesellschaft, in der ein gutes Leben für alle möglich ist.

Auf diesem Weg können wir weitermachen:

Es ist ein Privileg, mehr als ausreichend finanzielle Mittel zu haben. Falls das auf dich zutrifft, unterstütze Menschen in deinem Umfeld finanziell, um eine finanzielle Notlage zu mildern. Frage sie einfach. Außerdem ist der Nothilfe-Fond für Sexarbeiter:innen, die wegen der Corona-Krise aktuell nicht arbeiten dürfen, dringend auf Spenden angewiesen (https://berufsverband-sexarbeit.de/index.php/wissen/besdnotfallfonds/).

Es ist ein Privileg, weiß zu sein. Falls das auf dich zutrifft, frag dich, wo du rassistisches Denken verinnerlicht hast.  Widerspreche rassistischen Äußerungen, schreite ein bei rassistischer Gewalt! Unterstütze politisches Engagement gegen Rassismus! Zum Beispiel hier: http://isdonline.de/, https://www.nsu-watch.info/ und check #IchbinkeinVirus.

Es ist ein Privileg, cis zu sein. Falls das auf dich zutrifft, mach dir bewusst, dass trans, inter und nicht-binäre Menschen deine Unterstützung brauchen, nicht nur um gesetzlich gleichgestellt und medizinisch gut versorgt zu werden. Unterstütze Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden auch in ihren politischen Forderungen! Zum Beispiel hier: https://www.change.org/p/transsexuellengesetz-beteiligt-betroffene-beendet-diskrimininierung-begutachtung-justizministerium-innenministerium-tsg

Es ist ein Privileg nicht behindert zu werden. Falls das auf dich zutrifft, mach dir bewusst, wie du davon profitierst. Unterstütze Menschen, die behindert werden in ihren politischen Forderungen! Zum Beispiel hier: https://www.change.org/p/lasst-pflegebed%C3%BCrftigen-ihr-zuhause-stoppt-das-intensivpflege-und-rehabilitationsst%C3%A4rkungsgesetz-ipreg-noipreg-jensspahn-bmg-bund/u/27177757

Es ist ein Privileg, heterosexuell zu sein. Falls das auf dich zutrifft, mache dir bewusst, wie dieses Privileg wirkt. Unterstütze queere Menschen in ihren politischen Forderungen! Zum Beispiel hier: https://queer-lexikon.net/ und hier: https://gladt.de/

Check deine Privilegien. Sharing is Caring!

Von K.S.