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Trans Gesundheitsversorgung in Zeiten von Corona


Medizin zu bekommen ist schwierig, wenn du trans bist. Hier monatelange Wartezeit, da Abh√§ngigkeit von Unbekannten Gutachter*innen. Wird mir mein Gegen√ľber n√§chstes Halbjahr wie besprochen die Indikation ausstellen oder darf ich mir dann wieder jemand neues suchen? Werden mir √ľbergriffige Fragen gestellt? K√∂rperuntersuchungen verlangt, bei denen ich diesem Machtgef√§lle vielleicht nicht nein sagen kann?

Eine Freundin von mir wurde von einem Gutachter sexuell bel√§stigt, wird mir das auch passieren? Und selbst wenn ich die Behandlung verschrieben kriege: Wenn ich die Indikation kriege, wenn die Krankenkasse best√§tigt, dass sie die Behandlung zahlt: Wird sie wirken? Wird das √§rztliche Personal dieselben Behandlungsziele haben wie ich? Diese und weitere Fragen besch√§ftigten viele trans Menschen bereits vor der Coronakrise. Seit deren Beginn sind noch einige neue Probleme hinzugekommen: Sind die Medikamente weiterhin verf√ľgbar, f√ľr die ich diese Schikanen durchleben musste? Finden die Behandlungen statt, um deren Kosten√ľbernahme ich monatelang k√§mpfen musste? Falls sie wegen Selbstisolation abgesagt werden: Werden sie jemals stattfinden? Medikamentenengp√§sse gab es vor Corona auch schon. Alle paar Monate gingen communityinterne Meldungen um, wenn dieses oder jenes Hormonpr√§parat zeitweise nicht geliefert werden konnte. Notfalls wurden private √úberbr√ľckungen organisiert, wenn wichtige Medikamente (und das sind Hormone nun einmal) bei Einzelpersonen sonst nicht rechtzeitig aufgestockt werden konnten. Alles tempor√§r, kein Problem. Corona √§ndert das. Nicht in den tats√§chlichen Produktionsprozessen ‚Äď von elf befragten Herstellern h√§ufig verschriebener Hormonpr√§parate berichteten nur zwei von Lieferschwierigkeiten, aber selbst dann nur von kurzfristigen wie vor der Krise. Stattdessen weckt Corona das Misstrauen auf, dass vielen von uns im Laufe einer Transition gegen√ľber dem Gesundheitssystem antrainiert wird, sei es durch Verz√∂gerung, Verwehrung oder geringerer Priorisierung unserer Behandlung. Warum sollte ich darauf vertrauen, dass die Praxis auf eine l√ľckenlose Versorgung bedacht ist, wenn sie zuvor monatelang wichtige Medikamente vorenthalten hat? Kriege ich einen Termin oder werden Andere vorgezogen? Oder werden gar Rezeptausstellungen verz√∂gert, weil die Praxis die Medikamente bei anderen Patient*innen f√ľr wichtiger h√§lt? Von der Realit√§t der Produktionssituation unabh√§ngige √Ąngste sind leider nicht auf uns beschr√§nkt, sie treten auch bei Behandelnden auf. Wie reagiert die Community? PANIK. Es wird um gr√∂√üere Rezepte gebeten, es verbreiten sich Ger√ľcht um Engp√§sse, der Hormonschwarzmarkt boomt und selbst private Hersteller im Ausland, die ihre Produkte unter ungewissen Standards herstellen, berichten von gr√∂√üerer Nachfrage. Steht es um Behandlungen au√üerhalb des Raumes aufstockbarer Medikamente? Sie fallen aus. Geh einfach davon aus, dass sie ausfallen. Der Kampf mit der Krankenkasse um die Bezahlung deiner Laserhaarentfernung ist endlich gewonnen? Ich hoffe du magst rasieren, denn wer wei√ü, wann das Studio nach der Selbstisolation wieder aufmacht.

Geplante Operation? Mach dich auf ein paar nervenaufreibende Monate gefasst, denn auch wenn in der Kosten√ľbernahmebest√§tigung ‚Äěmedizinisch notwendig‚Äú steht wird dich niemand operieren, solange planbare Operationen gesperrt sind. Teils werden Operationen wenige Tage vorher abgesagt und auf eine ungewisse Zeit verschoben.

Die psychischen Folgen sind enorm ‚Äď bei einer ‚ÄěLast Minute‚Äú-Absage waren die Wochen vor der OP, in denen du deine Hormone absetzen musstest, umsonst. Dysphorie gibt‚Äės gratis dazu. Jede Live√ľbertragung der Tagesschau kann deine Situation √§ndern, also verfolge die Berichterstattung genau. Du wolltest dir eigentlich nicht alles zu Corona reinziehen, weil dir der Medienzirkus Angst bereitet? Dann red‚Äė doch in der Therapie dar√ľber ‚Äď ach stimmt, die f√§llt ja jetzt unter Umst√§nden aus. Trans Menschen haben eine Gro√üzahl von m√∂glichen medizinischen Behandlungen, die f√ľr sie notwendig sind. Die Unsicherheit, ob diese Behandlungen weiterhin zug√§nglich sind, macht es unfassbar schwierig, der 24/7 Berichterstattung auszuweichen. Ein Problem, das die Restbev√∂lkerung hat, wird durch medizinische Abh√§ngigkeit erheblich erschwert. Es fehlt Klarheit, √ľberall – und das wird sich in den kommenden Wochen nicht √§ndern. Wir sind keine Priorit√§t. Unsere Behandlung ist wichtig (bei vielen lebenswichtig), doch dem Gro√üteil der Bev√∂lkerung k√∂nnte es egaler nicht sein. Transfeindliche Diskurse √ľber den Sinn von Transitionsbehandlungen haben den Grundstein f√ľr eine Situation gelegt, in der es als Affront gesehen wird, wenn trans Menschen dar√ľber klagen, dass ihre Behandlung wegen Corona ausf√§llt. Ich bin Asthmatikerin, seit meiner Geburt. Mein t√§gliches Medikament zur Behandlung meines Asthmas nehme ich nur, damit sich meine Lungenwerte auf Langzeit  nicht verschlechtern, akute Luftnot habe ich seit den Bundesjugendspielen von 2004 nicht mehr gehabt. Meine Hormonersatztherapie nehme ich, weil das Hormonverh√§ltnis, das mein K√∂rper von alleine produzierte, f√ľr absolut nicht aushaltbare Ver√§nderungen in K√∂rper und Geist bei mir ausl√∂sten. Wenn ich beides vergleiche, stellt sich die Priorit√§tsfrage gar nicht erst, die Hormone sind eindeutig wichtiger. Und doch: Wenn ich beschreibe, wie mich die coronabedingte Unsicherheit √ľber die Zukunft dieser Behandlung mitnimmt, wird das von den allermeisten ‚Äď nicht selbst betroffenen – Leuten als ein Luxusproblem aufgefasst. Wenn wir die Wichtigkeit von Operationen betonen, kommen uns Antworten entgegengeflogen, als h√§tten wir gerade h√∂chstpers√∂nlich und vors√§tzlich ein Fu√üballstadion voller Gro√ümuttis mit Corona angesteckt. Aber die Wahrheit ist: √Ąrztliche Behandlungen von trans Menschen sind √§rztliche Behandlungen und die erfolgen f√ľr gew√∂hnlich aus guten Gr√ľnden. Dass gerade jede zweite trans Person als Massenm√∂rder*in dargestellt wird, wenn sie notwendige medizinische Behandlungen wie notwendige medizinische Behandlungen behandelt, ist kein Problem, das von Corona kommt, sondern von der offen getragenen Transfeindlichkeit der Gesellschaft. Allein deren Bek√§mpfung wird die neuen Probleme l√∂sen, bis wir so weit sind passen trans Menschen aber weiterhin auf trans Menschen auf.