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Fat Liberation


Wer profitiert davon, dass ich mich selbst hasse?

Ich bin weiß und nicht binĂ€r.

Viele lesen mich als cis Frau.
Ich bin fett.
Mein Körper wird aufgrund seiner Rundungen und Auswölbungen immer wieder als weiblich gelesen.
Ich habe das große GlĂŒck keine Körperdysphorie zu haben (und bin trotzdem trans!).

Über Jahrzehnte habe ich meinen Körper trotzdem bekĂ€mpft, wollte kleiner sein, weniger, keinen Platz einnehmen.
Dann die Entscheidung: ich will mich selbst akzeptieren und mich so gut finden, wie ich wirklich bin.

Und das ist fett – mein natĂŒrlicher Zustand ist ein fetter Körper.

Nicht binÀre Menschen und ihre Körper sind wenig reprÀsentiert in den Medien.
Und wenn doch,dann sind sie zumindest schlank (und weiß!).
Doch nicht binÀre Körper gibt es in allen Formen.

Nicht binĂ€r sein ist auch keine Modeerscheinung – es gibt uns seitdem es Menschen gibt. Jedoch wurden vor allem Schwarze, Indigene und People of Color durch weiße christliche Werte und Kolonialisten verboten und ermordet.

Und das schlank sein? Auch dies hat seine Wurzeln in der UnterdrĂŒckung und Kolonialisierung von Schwarzen Menschen und Menschen of Color. Schwarze behinderte und fette Frauen grĂŒndeten in den 60ern die Body Positivity Bewegung. Und ganz im Gegenteil zu heute ging es darum, marginalisierte Körpern die gleichen Rechte zu verschaffen, wie nicht marginalisierten.

Ich persönlich identifiziere mich mehr mit dem Begriff „fat liberation“, weil es deutlicher zeigt, dass es nicht um individuelle positive Einstellung zum eigenen Körper geht, sondern um die Befreiung von fetten Körpern.

Eine weiße, dĂŒnne cis Frau, die sich verrenkt um eine (1) Hautrolle an ihrem Bauch zu posten bekommt unfassbar viel Applaus in sozialen Medien.

WĂ€hrend mir als fette Person gesagt wird, ich solle weniger fressen, ich sei zu hĂ€sslich, um Bilder zu posten und ich solle mich am besten gleich umbringen. Ach ja, und trans kann ich auch nicht sein, weil ich dann ja meine Körper hassen mĂŒsste.

Ich hasse stattdessen diese Gesellschaft, die nicht aufhören kann, mir ihre binĂ€ren Geschlechter aufzudrĂ€ngen und mich in Boxen zu stecken. Und dabei bin ich noch ein „small oder medium“ Fat (eine Einteilung, die zeigen will, dass es auch unter fetten Menschen unterschiedliche Diskriminierung gibt. Die nĂ€chsten Gruppen sind super fat und infinifat, könnt ihr im Internet nachlesen).

Sich selbst zu lieben ist toll und wichtig, beendet aber die UnterdrĂŒckung aufgrund dieser Merkmale nicht.

Sich selbst lieben zu mĂŒssen, in einer Gesellschaft, die non stop sagt, dass wir nicht gut genug sind – das kann sich wie ein weiteres unerreichbares Ideal anfĂŒhlen, was unter Druck setzt.

Fett sein wird (Àhnlich zu klassistischen Ansichten) oft individualisiert und als persönliches Versagen der einzelnen Personen gesehen. Doch als fette Person weniger Geld zu verdienen, keine adÀquate medizinische Behandlung zu erhalten, von anderen Menschen als minderwertig, weniger intelligent (wobei das Konzept der Intelligenz mit ihrer klassistischen, rassistischen und behindertenfeindlichen Herangehensweise eh zu hinterfragen ist), weniger kompetent und schlicht gesagt unattraktiv gehalten zu werden, zeigt deutlich dass es sich hierbei um ein systematisches Problem handelt.

Fragen wir mal so –

wenn manche Menschen „von Natur aus“ schlank sind, warum dĂŒrfen denn andere dann nicht fett sein?

Warum ist es akzeptabel, nur dĂŒnne Menschen attraktiv zu finden, aber bei fetten Menschen ist es ein Fetisch?

Warum gehen viele davon aus, dass fette Menschen sich gehen lassen?

Warum ist stĂ€ndig ĂŒber DiĂ€ten sprechen immer noch ein akzeptables GesprĂ€chsthema?

Warum wollen viele Feminist_innen, die sich selbstverstÀndlich nicht rasieren, trotzdem unbedingt schlank sein?

Warum werden immer wieder schlechte Studien zitiert, die fetten Menschen sagen, dass sie bald sterben werden? (Wenn Forscher_innen bereits ihre eigenen Vorurteile nicht hinterfragen, ist es schwer gute Studien zu machen. KausalitĂ€t herzustellen – also ein Ereignis (Krankheit / Tod) als direkte Folge von einem einzigen Merkmal (fett sein) herzuleiten ist unmöglich. Fett sein, in einer fettenfeindlichen Welt, ist unfassbar stressig. Stress macht krank, also wie ist es möglich, diesen Stress in einer Studie auszuklammern?)

Und jetzt?
Was kann ich als schlanke Person tun?

  • unterbindet Unterhaltungen ĂŒber DiĂ€ten
  • sagt klar und deutlich, dass ihr fettenfeindliche Witze oder Meinungen nicht akzeptiert
  • redet nicht abwertend ĂŒber eure eigenen Körper
  • hört ENDLICH auf fetten Leuten (Non-)Komplimente zu machen („du bist so mutig dich so zu zeigen“, „du hast so ein schönes Gesicht“ usw)
  • folgt fetten Menschen auf sozialen Medien (vor allem Schwarzen Menschen, Indigenen Menschen und Menschen of Color, mit Behinderungen, nicht nur small fats sondern super fats und infinifats – eine Mischung von Menschen mit verschiedenen LebensrealitĂ€ten) hört auf die UnterstĂŒtzung von fetten Menschen an Bedingungen zu knĂŒpfen (so lange sie gesund sind, so lange sie Sport machen, so lange sie alles versuchen, um nicht mehr fett zu sein)
  • unsere Existenz ist keine „Glorifizierung oder Werbung fĂŒr Fett Sein“ (auch wenn ich sagen kann, dass ich noch nie so glĂŒcklich und zufrieden mit meinem Körper war, wie jetzt wo ich fett bin)

Kapitalismus und Patriarchat profitieren von unserem Selbsthass, von der Individualisierung unserer Diskriminierungen, wie (anti-muslimischen) Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Klassismus, Homofeindlichkeit und Antisemitismus. Wenn wir uns nur damit beschĂ€ftigen uns bestmöglich in diese Gesellschaft einzufĂŒgen und möglichst schön und leicht verdaulich zu sein – haben wir weniger Zeit fĂŒr Revolution.

Feo (keine Pronomen),
ist weiß, nicht binĂ€r und 35 Jahre alt.
Bezeichnet sich selbst als small / medium fat und als hard femme,
liebt Pflanzen, feos Hunde, veganes Essen und Zines (lesen und machen).
Feo hat unsichtbare Behinderungen, ist vor allem beeinflusst durch cptsd / bpd, cfs und pcos.
Feo ist die erste Person in der Familie mit Hochschulabschluß, aber krankheitsbedingt arbeitsunfĂ€hig.