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Nomadin im Coronafieber


Corona. 2 Monate bevor ich diese Zeilen schreibe erwischte auch mich das unfassbare. Nachdem ich im Herbst noch Workshops und Filmscreenings in Deutschland und Amsterdam gegeben habe bin ich nach Andalusien gefahren um durchzuatmen und nicht zu vergessen wie sich Sonne anfĂŒhlt. 3 Jahrzehnte unterschiedlichster Aktivismus hat deutliche Spuren bei mir hinterlassen und dieser wichtige Schritt des Selfcares hat viel Mut und Kraft von mir verlangt. 2 Monate Meer, Selbstreflektion und Durchatmen haben mir geholfen die BedĂŒrfnisse meines alternden Körpers etwas mehr zu verstehen und ein wenig Ordnung in meinen Kopf zu bringen. Frohen Mutes und schweren Herzens hab ich dann langsam meine Knochen aus dem andalusischen Winterschlaf in meiner Meereshöhle gestreckt, Lucille (Der 43 Jahre alte Bus in dem ich lebe) einen krĂ€ftigen Schluck Motoröl gegeben und mich an dem Sound ihres Motors erfreut. On the road again. Aus den Boxen dröhnt Riot grrrl Mucke und der Fahrtwind kĂŒhlt mein GemĂŒt. Unterwegs zu Workshops, einer Performance und meiner geliebten lesbischen Bdsm konferenz zu der ich jedes Ostern fahr. Raus aus der andalusischen Heteronormativen Blase bei mir am Strand und zurĂŒck in mein Leben als Bdsm begeisterte Poly Lesbe. Mein Tour plan wĂ€chst und ich freue mich schon auf eine tolle Jahres Auftakttour quer durch Deutschland, Österreich und Niederlanden. Workshops, Performances und DJning zu den Themen Bdsm, Sexarbeit und feministische Pornographie stehen auf dem Programm und mein Kopf arbeitet bereits auf Hochtouren an den Inhalten. Plötzlich trifft mich ein Blitz aus heiterem Himmel. WĂ€hrend ich morgens von dem GerĂ€usch rosa Flamingos die vor meinem Bus die Sonne begrĂŒĂŸen geweckt werde wird ein Termin nach dem anderen wegen Corona abgesagt. Als dann auch noch meine geliebte Bdsm Konferenz abgesagt wurde fahr ich mit TrĂ€nen in den Augen zum nĂ€chsten Strand, dreh mein Soundsystem auf und falle heulend aus meiner Karre in den Sand. Was geht hier ab? Was soll ich tun? In Deutschland ist es kalt und alles klingt unglaublich. Polizei und MilitĂ€r reinigen schlagartig und brutal die Straßen Spaniens. Obdachlose, Menschen ohne Papiere, Punks, Sexarbeiter_Innen und Nomad_Innen ohne Mietvertrag in Spanien werden in die Ihnen zugewiesenen Örtlichkeiten kaserniert oder ausgewiesen. Viele von Ihnen sind Ihrer Geldquelle beraubt. Gewalt, Hohe Strafen und Angst regieren mein Umfeld. Die Grenzen werden zugemacht und viele Menschen, besonders diejenigen die nicht mehr zurĂŒck nach Marokko kommen obwohl sie dort wohnen, hĂ€ngen in Spanien fest. SpĂ€ter wird es dort fĂŒr die „guten“ Urlauber, die mit Ihrem teuren Abenteuer Plastik Wohnmobil zurĂŒck in Ihre „heile Welt ohne Dreck wie uns“ reisen wollen eine FĂ€hre nach Europa geben. Menschen wie ich, die in liebevoll ausgebauten alten Lastern wohnen werden zeitgleich von Desinfektionsmittel sprĂŒhenden MilitĂ€rs ins Landesinnere gejagt um in der WĂŒste auf eine ungewisse Zukunft zu warten. Klassismus dort und ĂŒberall. Als mich eine nette Person anruft die versucht mit Ihrem Bus nach Portugal durchzukommen schwinge ich mich verunsichert hinter mein Lenkrad und klammer mich an diesem Strohhalm. Nach Einem Tag fahren gibt meine Lichtmaschine den Geist auf. Zum GlĂŒck bin ich mit einem 43 Jahre altem Laster unterwegs und nicht mit einem dieser Computergesteuerten Plastikraumschiffen die bei Stromausfall keinen Meter mehr fahren können. Völlig fertig erreiche ich den Strand, von dem ich mir eine Woche vorher vorgenommen habe ihn vor Ende des Jahres nicht mehr anzufahren und brauch 2 Tage um wieder halbwegs klar zu kommen. Mein post traumatischer Stress, der meinen Alltag prĂ€gt und Corona waren fĂŒr mich nicht kompatibel. Als ich dann die Lichtmaschine repariert habe waren bereits die Grenzen dicht und Portugal hat sich ebenfalls als Alptraum fĂŒr Nomad_Innen herausgestellt die ĂŒberall von der Polizei verjagt werden. Alle GeschĂ€fte außer SupermĂ€rkten sind geschlossen und es hat den Anschein das „Mad Max Fury road“ und „Tank girl“ die einzigen Lehrvideos sind die mir noch weiterhelfen können. In der Situation schaffe ich es allein nicht mehr nach Deutschland. Eine Woche durchs Unsichere fahren ohne der Möglichkeit auszuspannen wenn ich eine Pause ohne Polizeigewalt brauche lĂ€hmen mich. WĂ€hrend sich auf facebook die Leute in Deutschland darĂŒber aufregen das sie nur 1,5 Meter voneinander entfernt auf der Parkbank sitzen dĂŒrfen sind ParkbĂ€nke fĂŒr uns unerreichbare Luxusorte. In spanischer Hitze dĂŒrfen wir unser Haus nicht verlassen und es ist unklar wie Menschen, die in Karren wohnen so etwas umsetzen sollen. Mehreren Mitbewohnern an meiner besetzten Bucht wird der Zugang zum Supermarkt und zur Wasserquelle von der Polizei untersagt. Im Ernst? Ihr verbietet Menschen Lebensmittel und Trinkwasser zu kaufen? Schließt Wasserquellen und MĂ€rkte? SolidaritĂ€t ist auch hier eine Waffe. Zum GlĂŒck entspannt sich wenigstens diese Situation kurz danach.

Gestrandet in Andalusien. TĂ€gliche RĂ€umungsangst, kein offizielles Dokument das meinen Aufenthalt duldet oder rechtfertigt. Alle CampingplĂ€tze sind zu und Deutsche ohne Mietvertrag in Spanien mĂŒssen das Land verlassen um â€œnach Hause“ fahren. Aber, mein Bus ist doch mein Zuhause! Gestrandet in einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche und das mich gerne wegschicken wĂŒrde. Innerhalb kĂŒrzester Zeit bin ich in eine andere Klasse katapultiert worden. Ich denke an meine Freundinnen die ich immer unterstĂŒtzt hatte als ich in Deutschland oder Amsterdam lebte. Freundinnen die die Sprache des Landes kaum sprachen, die da sind weil sie es so wollen. Die keine gĂŒltigen Papiere fĂŒr Ihren Aufenthalt hatten. Ich versuchte immer meine Privilegien auszunutzen um Ihnen Arbeit, Wohnung und Geld zu vermitteln. Bin vor Ihnen auf die Straße gegangen um heraus zu finden ob die Polizei dort rumlungert oder hab einfach nur ein Bier ausgegeben. Hab sie dahin begleitet wo sie unsicher fĂŒhlten und Ihnen zugehört. Plötzlich bin ich in einer Ă€hnlichen Situation. Sie hilft mir ein wenig zu verstehen wie sich so etwas anfĂŒhlt. Ein Blitz durchzuckt mein Gehirn. Was ist jetzt mit meinen Freund_Innen? WĂ€hrend ich nur im heteronormativen Lagerkoller gefangen bin und eigene Ăœberlebensstrategien suche sind sie in einer ganz anderen Situation und ich muss hilflos zuschauen. Was passiert mit denen, die sich in unserem ungerechten System in der „untersten“ Klasse bewegen wenn der Großteil der Menschen eine Klasse runterrutscht? Was passiert mit all den Sexarbeiter_Innen die nicht mehr arbeiten dĂŒrfen? In Berlin jagen als Freier getarnte Polizisten meine Kolleg_Innen. Sexarbeit wird weltweit verboten und verfolgt. Es gibt Notfallfunds fĂŒr Sexarbeiter_Innen und wunderbare Sexarbeits Aktivist_Innen leisten unglaublich wichtige Arbeiten. Trotzdem werden viele Kolleginnen unten raus fallen aus diesem System. Wir brauchen neue Strukturen und neue Formen des miteinander Umgehens. Neue Formen der „SolidaritĂ€t“ und neue Wege des Überlebens.

Es ist heiß in Andalusien. WĂ€hrend die Leitung zum örtlichen Regenwasser Reservoir bereits ausgetrocknet ist kĂŒhle ich meine salzige Haut im Meer und habe das Privileg auch unbekleidet rumlaufen zu können. Ich spreche mit den Wellen und ziehe meine Kraft zum Ăœberleben aus dem Felsen auf dem ich tĂ€glich meditiere und Yoga praktiziere. Selfcare zu Corona Zeiten. Zum GlĂŒck gab es einen solidarischen Menschen in Andalusien der mit Seinem 50 Jahre alten Bus zurĂŒck nach Deutschland fuhr. WĂ€hrend sich das Metall meines geliebten Fahrrades und von Lucille nach 4 Monaten Hitze und Salzwasser der Auflösung hingibt lĂ€uft der Motor wie eh und je. Nach 2,5 Tagen in Karawane fahren haben mich meine KrĂ€fte verlassen und wĂ€hrend ich diese Zeilen schreibe wohnen Lucille und ich in Katalonien in einer kleinen besetzten Finka. Weniger Angst vor der Polizei, SpaziergĂ€nge in der Natur und die Möglichkeit problemlos an Essen und Wasser zu kommen geben mir die Möglichkeit durchzuatmen. Meine Solaranlage liefert genug Strom fĂŒr Computer, Licht, Soundsystem und Flex. Ich fang an mich mehr mit meinen Filmen zu beschĂ€ftigen und zu schreiben. Die Welt der online Workshops ist nicht meine daher fĂ€llt diese Arbeit fĂŒr mich flach. Wieder mal reflektiere ich meine Privilegien und trĂ€ume davon mit meinen Freund_Innen zusammen in feministischen WerkstĂ€tten und Projekten Karren zu bauen und Geld zu machen. Sich gegenseitig beschenken und ZugĂ€nge zu diesem Leben zu Ă¶ffnen. Danach zusammen auf Tour zu gehen, unterwegs das organisieren was wir zum Leben brauchen und dort aktiv werden wo und wie wir es fĂŒr sinnvoll halten. Sich auch von Corona nicht stoppen lassen. Aktivismus und Selfcare können auch zusammen funktionieren. Ohne patriarchaler Unterordnung und Selbstzerstörung.

 

Emy Fem ist nomadische Pornographin und sexpositive Aktivistin. Ferner zur Zeit Coronabedingte arbeitslose Sexarbeiterin und Workshopleiterin.

Feedback und Adressen von feministischen ParkplĂ€tzen in und um Teuropa bitte an emyfemÄtgmxPunktde

www.emyfem.net

Zu sehen ist im Emy Fem, sie sitzt in der TĂŒr ihres silber blauen Busses Lucille.